Automatisierung Teil 2: Wirtschaft, Gesellschaft und Menschen

Automatisierung Teil 2: Wirtschaft, Gesellschaft und Menschen

Im ersten Teil unserer Serie zur Automatisierung haben wir uns dem Begriff an sich zugewandt, Beispiele genannt, sowie zugehörige Terminologie erklärt. Im zweiten Teil beleuchten wir, was Automatisierung für die Wirtschaft, für die Gesellschaft und für den Menschen bedeutet. Dass eine Automatisierung für viele Berufsfelder eine tiefgreifende Veränderung mit sich bringt, darf als gegeben angesehen werden. Je früher man sich also damit auseinandersetzt, desto besser. Denn während zwischen früheren Entwicklungen in der Industriellen Revolution oft Jahrzehnte lagen, verändert sich unsere Arbeit, verändern sich unsere Berufe in diesem Jahrhundert bislang nahezu jährlich. Und die Automatisierung wird in den kommenden Jahren noch exponentiell ansteigen.

Auch wenn die Industrialisierung 4.0 und mit ihr die Automatisierung längst nicht abgeschlossen ist – und nach ihr vermutlich ein ähnlicher Entwicklungsschritt folgen wird – so lässt sich dennoch bereits ein Zwischenfazit ziehen. Nicht nur die großen Player in der Wirtschaftswelt profitieren von der Automatisierung, bei der man zunächst an riesige Lagerhallen und Unternehmen wie Amazon denkt. Nein, auch die sogenannten KMUs, also kleine und mittlere Unternehmen können (und sollten) die Vorteile der Automatisierung für sich nutzen. Oft sind es kleinere Aufgaben, die automatisiert werden können und die menschliche Arbeitskraft freisetzen. Bei näherer Betrachtung handelt es sich hierbei nicht selten um Tätigkeiten, die man gar nicht unbedingt einer bestimmten Position, einem bestimmten Beruf zuordnen würde: Die Modifikationen in einer Telefonanlage verändern den Arbeitsalltag und sparen ebenso Zeit, wie der Umstand, dass sich eine Heizung in Arbeitsräumen auf einmal von alleine der Jahreszeit anpasst oder auf eine bestimmte Außentemperatur reagiert. Auch die Begutachtung bestimmter Arbeitsergebnisse, das Tracking oder kleinere Produktionsprozesse können meist relativ aufwandslos automatisiert werden, ohne dass jemand gleich Angst um seinen Job oder vor einer unlösbaren neuen Aufgabe haben muss.

 

Auswirkungen und Chancen

Laut einer Studie des Weltwirtschaftsforums (WEF), bei der Personal- und Strategiemanager in 20 Industrie- und Schwellenländern befragt wurden, die zusammen 70 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung repräsentieren, wird die Automatisierung Arbeitsplätze schaffen. Zwar würden bereits bis zum Jahr 2022 durch automatisierte Prozesse 75 Millionen Arbeitsplätze weltweit wegfallen, dafür aber gleichzeitig 133 Millionen neue entstehen. Der Tenor der IHK München ist gar noch optimistischer: Bis zum Jahr 2030 bestünde kein Grund zu der Annahme, dass es zu einem massiven Rückgang in der Beschäftigung kommen wird. Im Gegenteil sei Deutschland weit eher auf dem Wege hin zur Vollbeschäftigung. Gestützt werden solche Thesen auf Erkenntnisse aus der Vergangenheit. In Europa hat laut einer früheren ZEW-Studie die Automatisierung zwar 1,6 Millionen Menschen den Job gekostet, dafür fanden durch sie 3,4 Millionen Bürger einen neuen Arbeitsplatz. Die Forscher Daron Acemoglu vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Pascual Restrepo von der Boston University stellten zudem fest, dass die Hälfte des Jobzuwachses von 1980 bis ins Jahr 2015 in Sektoren stattfand, wo neue Titel und Stellenbeschreibungen entstanden waren.

Gleichzeitig sagen 24 Prozent der rund 5.000 Entscheidungsträger und Wissensarbeiter, die für die Studie „Automate or Stagnate: The Impact of Intelligent Automation on the Future of Work“ befragt wurden, dass ihre Firma mit einer rein mit menschlichen Arbeitskräften ausgestatteten Belegschaft nicht wettbewerbsfähig bleiben könnte. Eine von Forbes in Auftrag gegebene Studie zur Automatisierung verweist jedoch gleichzeitig darauf, dass nur eine gelungene Mischung aus manueller Arbeit und Automatisierung Firmen den gewünschten Erfolg bringen würde.

Der Trend und die Beobachtungen der Institute und Forscher sind eindeutig: Unternehmen, die auf neue Automatisierungs- und Fertigungstechniken setzen, wachsen auch, was die Zahl der Beschäftigten angeht. Zu einer anderen interessanten Erkenntnis kommt das Fraunhofer Institut für Produktionstechnologie. Die Automatisierung, so stellte das Institut fest, helfe Firmen dabei, Produktionskosten zu senken, und in der Folge würden sie ihre Standorte nicht selten nach Deutschland verlegen. Im Ausland steigende Löhne und ein höherer Logistikaufwand befeuern diesen Trend zusätzlich. Die Prognosen besagen daher, dass die Automatisierung auch aus diesem Grund weit eher dazu beiträgt, in Deutschland Arbeitsplätze zu schaffen.

 

Prognosen zur Automatisierung

Eine der Prognosen des Weltwirtschaftsforums zur Automatisierung besagt, dass bereits in zwei Jahren, also 2022, 42 Prozent der weltweiten Arbeit von Maschinen verrichtet wird, während es derzeit noch 29 Prozent sind. Schon im Jahr 2025 könnte sich das Verhältnis demnach erstmals umkehren und mehr als 50 Prozent der Arbeit maschinell erledigt werden. Paart man diese Vorstellung mit der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, könnte die Angst vor einem solchen Szenario deutlich abgefedert und das Leben für viele Menschen weiter angenehmer werden. John Maynard Keynes erahnte bereits 1930, dass der Einsatz von Maschinen zu einer 15-Stunden-Woche führen könnte – ein signifikanter Sprung abwärts von den 80 Arbeitsstunden, die Menschen zu Beginn der Industrialisierung in der Woche absolvierten. Datiert hat Keynes sein „Zeitalter der Freizeit und des Überflusses“ auf das Jahr 2030. Diese Rechnung geht jedoch laut dem Historiker und Aktivisten Rutger Bregman nur mit der Einführung des besagten Grundeinkommens auf. Oder, wie es sich Keynes vorstellte, indem die von den Maschinen erwirtschafteten Erträge allen Menschen zugutekommen. Wie sich diese Auswirkung der Automatisierung fortsetzt, wird zum Großteil im Zusammenspiel von Gesellschaft und Politik entschieden werden.

Das oben erwähnte WEF regt übrigens als Erkenntnis seiner Forschungen und Erhebungen an, dass die weltweite Industrie mehr noch als derzeit bereit sein müsse, viel Zeit und Geld in die Förderung bestehender Belegschaften zu investieren. Bleibt dies aus, würde sich der ohnehin schon befeuerte Kampf um hochqualifiziertes Personal noch verschärfen. Stecke man jedoch genug Geld in die Aus- und Fortbildung, würde man zeitnah davon profitieren. Ebenso müsse natürlich jeder Bürger zusehen, dass sie oder er sich im Laufe der Zeit bestmöglich weiterbilde, denn eines sei klar, viele Berufe werden künftig abwechslungsreicher, aber auch anspruchsvoller werden.

Der SPD-Politiker Thorsten Schäfer-Gümbel regte in diesem Zusammenhang übrigens mal ein sogenanntes Chancenkonto an, welches jedem Deutschen ein lebenslanges Recht auf Weiterbildung garantiere. In diese Kerbe schlagen auch die diversen Studien: Neben der Wichtigkeit, den Wandel ordentlich und gründlich durchzuführen und zu kommunizieren, seien vor allem intensive Schulungen wichtig, um den Erfolg einer Automatisierung zu garantieren. Dies sähen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen.

 

Das 4-Stufen-Modell zur intelligenten Prozessautomation

Nicht jede Automatisierung ist gleich. Das sogenannte 4-Stufen-Modell zur intelligenten Prozessautomation zeigt auf, wie eine Steigerung der automatischen Prozesse aussehen kann, unter Berücksichtigung eines steigenden Automationsgrades und einer größer werdenden Prozesskomplexität. Das Modell verdeutlicht dabei die Stufen von einer einfachen Massenbearbeitung hin zu einem selbstlernenden, intelligenten System unter Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI).

  • Die erste Stufe ist die Robotic Process Automation (RPA), bei der eine Software für repetitive und regelbasierte Prozesse zum Einsatz kommt, die strukturierte Daten verwendet und verarbeitet.
  • Es folgt die Cognitive Automation, bei der bereits komplexere Prozesse vonstatten gehen und die Maschinen, die Software oder die Roboter unstrukturierte Daten mittels Machine Learning verarbeiten.
  • Im dritten Automationsgrad, der im Fachjargon mit Digital Assistants überschrieben ist, werden Software-Roboter mit sprach- und textbasierten Nutzerinterfaces, sogenannten Chatbots, implementiert. Hierbei wird von dem Natural Language Processing Gebrauch gemacht, also der Verarbeitung natürlicher Sprache, die eine direkte Kommunikation zwischen Mensch und Computer auf Basis der natürlichen Sprache ermöglicht.
  • Die vierte und finale Stufe der intelligenten Prozessautomation trägt den Titel Autonomous Agents. Komplexe Softwaresysteme treffen dabei selbstständig Entscheidungen und initiieren Prozesse. Ein Teil dieses Prozesses nennt sich Deep Learning. Dabei lernen die Maschinen beziehungsweise die Software selber, wie sie Schlüsselfunktionen automatisieren.


Weiterführende Links und Literatur


Folgende Links und Hinweise auf Literatur sollen Ihnen helfen, tiefer in das Thema einzusteigen und Hilfen und Anregungen für Ihre Firma, Ihr Berufsfeld und Ihre berufliche Zukunft zu finden.

  • Plattform Industrie 4.0: Auf der Seite des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geht es um die Digitale Transformation in der Produktion. Dort finden Sie Hintergrundinformationen, Details zur Fachcommunity, Arbeitsgruppen, Kooperationen, Infos speziell für den Mittelstand, Netzwerke, Fallstudien und Unterstützungsangebote. Zur Plattform Industrie 4.0
  • Automation Valley: BMBF Förderung von Forschung, Entwicklung und Nutzung von Methoden der Künstlichen Intelligenz. Auf den Seiten von Automation Valley sowie der Website der Humboldt-Universität zu Berlin finden Sie eine spezielle Förderung zum Thema.
  • Homo Deus / Yuval Noah Harari: Der Philosoph und Autor wirft in seiner „Geschichte von Morgen“ einen erklärenden und kritischen Blick auf den Ehrgeiz der Menschen und skizziert, wohin die Reise für uns geht.
  • Das Märchen vom reichen Land / Daniel Stelter: Hier werden die Themen Ökonomie, Digitalisierung, Aufschwung, Infrastruktur und Bildung politisch beleuchtet und hinterfragt.

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